Superfood - wirklich super?
Superfood ist in aller Munde. Wir essen Avocado, Chiasamen, Gojibeeren, Grünkohl, Granatapfel, Weizengras und Algen. Diese enthalten viele Vitamine, Mineralstoffe und Nährstoffe. Dabei vergessen wir aber oft deren Schattenseiten: lange Transportwege, Anbau in trockenen Regionen, Abholzung von Wäldern zur Schaffung von Anbauflächen, fragwürdige Arbeitsbedingungen oder der Einsatz von chemischen Pestiziden. Dabei sind nicht die Produkte an sich das Problem, sondern die durch den jeweiligen Foodtrend ausgelöste Produktion in riesigen Mengen.
Doch Lebensmittel müssen weder boomen noch von exotischen Orten stammen, um gesund zu sein. Ein Blick in den eigenen Garten, zum Bauernhof nebenan oder ins Gemüse- und Obstregal eines Bioladens offenbart eine ganze Reihe an einheimischen Superfoods.
In einer losen Reihe widmen wir uns dem Thema «Superfood». Wir beleuchten die Schattenseiten und stellen nachhaltige Alternativen ins Rampenlicht:

Es muss nicht immer Chia sein
Die «Mexikanische Chia», die die begehrten Samen liefert, stammt ursprünglich aus Zentralamerika. Heute wird sie aufgrund der grossen Nachfrage auch in Südamerika, in Australien, im Süden der USA, in Teilen Afrikas und vermehrt in China angebaut. In Mitteleuropa wächst die kälteempfindliche Pflanze bisher nicht. Entsprechend lang sind die Transportwege, die in den kleinen Samen stecken.
Chia-Samen enthalten tatsächlich viele wertvolle Inhaltsstoffe: Sie sind reich an mehrfach ungesättigten Fettsäuren und Proteinen und enthalten Kalzium, Magnesium und Eisen. Es ist aber nicht nötig, solche teuer vermarkteten Importe zu kaufen, weil auch bei uns seit jeher Vitaminbomben mit praktisch denselben Inhaltsstoffen wachsen.
Die einheimische und günstigere Alternative zu Chia sind Leinsamen. Die tropfenförmigen Samen aus der heimischen Leinpflanze (Flachs) sind beste Quelle für Omega-3-Fettsäuren, Ballaststoffe sowie Eiweiss, Kalzium, Eisen, Magnesium, Zink und Folsäure. Damit die Samen unseren Darm nicht unverdaut passieren, sollten sie vorher geschrotet werden. Da Leinsamen stark quellen, empfiehlt es sich, sie vorher einzuweichen. So können sie auch ihre verdauungsfördernde Wirkung entfalten.
Rapsöl oder Nüsse sind weitere Alternativen. Sie bieten sehr ähnliche Inhaltsstoffe wie Chia, sind genauso gesund und können - wie auch die Leinsamen - regional und saisonal angebaut werden. Wer die Umwelt noch weniger belasten will, wählt Leinsamen, Rapsöl oder Nüsse aus biologischer Produktion.

Avocado: Die Folgen des Booms
Warum die Avocado in den letzten Jahren einen solchen Boom erlebt hat, wissen wir wohl alle. Sie ist unglaublich lecker, vielseitig einsetzbar und soll, wie alle Superfoods, sehr gesund sein. Dazu kommt eine geschickte Marketingstrategie. Kein Wunder also, dass sich die Importe in die Schweiz von 2006 bis 2017 mehr als verdreifacht haben (2006: 4'102 Tonnen, BLW; 2017: 14'700 Tonnen, EZV).
Der grösste Teil der Avocados stammt aus Mexiko. Dort wird rund ein Drittel der weltweit konsumierten Avocados produziert. Weitere Anbauländer sind die Dominikanische Republik, Peru, Kolumbien, Chile, Indonesien und auch Israel oder Spanien. Die Transportwege sind in der Regel lang. Avocados kommen zwar per Schiff nach Europa, müssen aber gekühlt transportiert und gelagert werden. Die Klimabilanz ist daher ähnlich schlecht wie diejenige von anderen exotischen Früchten wie Banane oder Mango.
Das Hauptanbaugebiet in Mexiko ist Michoacán. Von dort stammen etwa 90 % der mexikanischen Avocados. Und es sollen noch mehr werden. Es erstaunt daher leider nicht, dass landesweit jährlich bis zu 4000 Hektaren Wald, vor allem Pinien, gerodet werden, um Platz für neue Anbauflächen zu schaffen.
Rund 1'150 l Regen- und Bewässerungswasser braucht es für den Anbau von 1 kg Avocado, also etwa zweieinhalb Früchten. Dazu kommen nochmals 850 l sogenanntes "graues Wasser", das während der Produktion, der Lagerung und dem Transport verunreinigt bzw. zum Verdünnen von Schmutzwasser benötigt wird. Damit verbrauchen Avocadoplantagen etwa doppelt soviel Wasser wie der Pinienwald, der vorher auf dem Land wuchs. Die Folge: Immer weniger Wasser gelangt in die Flüsse, nicht nur in Mexiko. In Chile sind bereits ganze Flüsse ausgetrocknet. Mit weitreichenden Folgen für das gesamte Ökosystem.
Alternativen zu finden, die nachhaltig und genauso lecker und vielseitig einsetzbar sind, ist schwierig. Je nach Geschmack und Anwendung gibt es sie aber, die Alternativen. Eine Liste mit Vorschlägen findest du hier. Es zeigt sich, dass Baumnüsse und Heidelbeeren einen grossen Teil der Superfood-Eigenschaften abdecken können.
Wer nun aber nicht auf die Avocado verzichten will, darf sie auch weiterhin geniessen: Biologisch und fair hergestellt, am besten nur ein paar Mal im Jahr!
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